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Die Geschichte der Stadt Jindřichův Hradec

Jindřichův Hradec gehört zu den bedeutendsten historischen Städten der Tschechischen Republik. Besonders stolz ist die Stadt auf den Ehrentitel Historische Stadt des Jahres 2007, verliehen vom Ministerium für Kultur als Anerkennung für die Denkmalspflege.

Bereits im 10. Jahrhundert wurde der Handelsweg zwischen Österreich und Böhmen auf einer Anhöhe oberhalb des Zusammenflusses von Nežárka und Hamerský potok von einer slawischen Burgstätte geschützt. Die Befestigung des Ortes wurde durch die Anlage eines künstlichen Teiches, der den Namen Vajgar erhielt, verstärkt. Später, zu Beginn des 13. Jahrhunderts, entstand an jener Stelle eine mittelalterliche Siedlungsstätte. Gegründet wurde sie von Vítkovec Jindřich. Nach ihm wurde nicht nur die gesamte Hradecer Linie benannt, die aus dem Geschlecht der Vítkovecer - den Herren zu Hradec - hervorgegangen war, sondern auch die spätere Stadt.

DIE HERREN ZU HRADEC (beg. des 13. Jahrhunderts – 1604)

Dieses alte böhmische Adelsgeschlecht gehörte während des gesamten Zeitraums seiner Existenz zu den mächtigsten Geschlechtern des Landes. Gemeinsam mit dem ihm anverwandten Geschlecht der Rožmberks beherrschte es den Süden Böhmens und nahm bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts auf bedeutende Weise Einfluss auf die Politik des Landes. Einer Legende nach hatte der „Urvater“ des Geschlechts der Vítkovecer – Vítek von Prčice – die weitläufigen Besitztümer im Süden Böhmens sowie die Wappen mit einer fünfblättrigen Rose verschiedenster Farben unter seine fünf Söhne aufgeteilt. Der älteste Sohn Jindřich erhielt die Hradecer Herrschaft.

Als erstes ließ dieser oberhalb des Zusammenflusses von Nežárka und Hamerský potok auf bereits vorhandenen älteren Grundmauern eine Burg errichten. Aus dem Jahr 1220 stammt die erste schriftliche Erwähnung von Jindřichův Hradec. Die Siedlung unterhalb der Burg wuchs sehr schnell und wurde so bereits im 13. Jahrhundert zur Stadt (zum ersten Mal wurde Jindřichův Hradec in einer Urkunde aus dem Jahre 1293 als Stadt erwähnt).

Adam II. von Hradec (1549–1596) – der Renaissancemagnat, Foto: Archiv Vydavatelství MCU s.r.o. Jindřichův Hradec war vier Jahrhunderte lang die Residenz der Herren zu Hradec und erlebte einen gewaltigen Aufschwung. Die Burg wurde nach und nach zu einer gewaltigen und repräsentativen Adelsresidenz umgestaltet, was natürlicherweise auch die Entwicklung der Stadt zur Folge hatte.

Durch den Tod von Jáchym Oldřich, dem letzen männlichen Nachkommen des Geschlechts, wurde im Jahre 1604 die Herrschaft der Herren zu Hradec, die vier Jahrhunderte lang gedauert hatte, beendet. Das Erbe ging an Jáchyms Schwester Lucie Otýlie, die mit Vilém Slavata verheiratet war.

DAS SLAVATA-GESCHLECHT (1604–1693)

Nach dem Tode von Jáchym Oldřich von Hradec fielen die weitläufigen Besitztümer an Vilém Slavata, den Gemahl von Lucie Otýlie von Hradec – der Herrschaft über das große Hradecer Dominium nahmen sich also die Slavatas an.

Vilém Slavata (1572–1652), Foto: Archiv Vydavatelství MCU s.r.o.Vilém Slavata, bekannt als Teilnehmer des Prager Fenstersturzes, gehörte zu den höchstgestellten Herren des Landes. Angaben aus dem Jahre 1654 zufolge war Jindřichův Hradec nach Prag sogar die zweitgrößte Stadt Böhmens und gleichzeitig die reichste der untergebenen Städte. Unter den Slavatas blühte das Handwerk, die Stadt gedieh. Dennoch erlebten weder das Schloss noch die Stadtteile im Vergleich zu den vorangegangenen Zeiträumen wesentliche bauliche Veränderungen.

DAS GESCHLECHT ČERNÍN (1693–1945)

Heřman Jakub Černín von Chudenice (1659–1710) war nicht nur ein überaus reicher Mann, sondern auch ein fähiger, ehrgeiziger Politiker (höchster Burgvogt des Böhmischen Königreiches), er kann als typischer Adelsvertreter des Barocks bezeichnet werden., Foto: Archiv Vydavatelství MCU s.r.o.Heřman Jakub Černín von Chudenice erwarb die Hradecer Herrschaft durch die Heirat mit Marie Josefa Slavata; die Černíns waren so das dritte altertümliche und sehr bedeutende böhmische Adelsgeschlecht, dass sich der Herrschaft in Jindřichův Hradec annahm.

Die Herrscher aus dem Geschlecht Černín hielten sich häufiger in Prag (Černín-Palast) oder auf ihren Landsitzen (in Südböhmen, z. B. auf dem unweit gelegenen Schloss Jemčina) als in Jindřichův Hradec auf. So kam es, dass nach dem großen Brand der Stadt im Jahre 1773, der auch auf das Schloss übergriff (am meisten wurden die Gebäude im III. Innenhof beschädigt), Jindřichův Hradec aufhörte, seine Funktion als Residenzstadt zu erfüllen. Die Schlossobjekte wurden mehr und mehr nur zu wirtschaftlichen Zwecken genutzt.


Die Stadt hatte jahrhundertelang aus den Traditionen der Tuchmacherei profitiert. An diese schloss nun die Textilproduktion an. In der Mitte des 18. Jahrhunderts steht Jindřichův Hradec in diesem Industriezweig nach Liberec (Reichenberg) an zweiter Stelle. Was die Anzahl der bewohnten Häuser betrifft, übertrifft die Stadt z. B. České Budějovice (Budweis).

Im 19. Jahrhundert, zur Zeit des Erwachens des nationalen Bewusstseins, lebten die Einwohner der Stadt ein aktives kulturelles Leben – es wurden Bälle veranstaltet, es entstanden Bildungsvereine, Laien- (Verein Jablonský) und Gesangsgesellschaften (Smetana); gerade eben die musikalische Tradition war in der Stadt sehr stark und ist auch heute noch lebendig.

In den 80-er Jahren des 19. Jahrhunderts machte die Eisenbahn von Prag nach Wien einen Bogen um die Stadt. Dies und die Tatsache eines Mangels an Rohstoffen in der Umgebung hatten zur Folge, dass die industrielle Entwicklung der Stadt gebremst wurde. Die Bedeutung der Stadt nahm ab. Auch wenn Jindřichův Hradec Ende der 80-er Jahre mit dem Bau einer Schmalspurbahn an das Eisenbahnsystem angeschlossen und dank František Křižík sogar zur zweiten Stadt Böhmens wurde, deren Straßen mit elektrischen Lampen (1887) beleuchtet wurden, bleibt es doch eher eine Provinzstadt fernab von den Zentren gesellschaftlichen und kulturellen Treibens. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine Gobelinwerkstatt gegründet, die sehr bald Berühmtheit erlangte. Die Textilproduktion und die Lebensmittelindustrie (Herstellung von Sirupen und Spirituosen) waren die bedeutendsten Wirtschaftszweige der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Unter der Leitung des Wiener Architekten, Humbert Walcher von Moltheim, erfolgte zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine teilweise Rekonstruktion des Schlosses. Es folgte die ereignisreiche Zeit der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts - zwei Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise. Im Jahre 1945 wurde das Schloss der Černíns aufgrund der Beneš-Dekrete konfisziert und ging in das Eigentum des Staates über.

JINDŘICHŮV HRADEC NACH 1945

Nach dem Krieg entstand erneut der Landkreis Jindřichův Hradec der nach Einbeziehung des Gebietes Třeboň und Dačice zu den größten in der Tschechischen Republik zählte.

Nach dem kommunistischen Umsturz im Jahre 1948 wurden ebenso wie in der gesamten Republik die örtlichen Betriebe verstaatlicht. Die Wirtschaft stützte sich auch weiterhin auf die Textilindustrie (Baumwollfabrik), der neue Produktionsbetrieb Lada stellte Näh- und Strickmaschinen her, das Werk Fruta übernahm die Produktion von Sirupen und Spirituosen. Zu einem bedeutenden Betrieb wurde die leistungsfähige Molkerei.

Nach dem November des Jahres 1989, d. h. nach dem Fall der kommunistischen Diktatur, änderte sich die Situation radikal. Es entstanden private Firmen. Der gesamte historische Stadtkern, einschließlich des Schlosses, wurde nach und nach erneuert. 1994 wurde die Fakultät für Management der Südböhmischen Universität eröffnet - heute die Fakultät für Management der Ökonomischen Hochschule Prag.